Friedrich Nietzsche wird *175*

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Friedrich Nietzsche wird *175*
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Pünktlich zum 15. Oktober ehrt eine Ausstellung in Basel den einflussreichen Denker. Philosoph Andreas Urs Sommer über die Wirkung Nietzsches in der Gegenwart
Der studierte Philologe und nachmals berühmte Philosoph hätte dieses Jahr gleich zwei Gründe zum Feiern gehabt. Zum einen seinen 175. Geburtstag, zum anderen das 150. Jubiläum seiner Berufung an die Basler Universität in der Schweiz. Noch immer ist das Interesse an Friedrich Nietzsche aus Sachsen-Anhalt, der im Alter von 45 Jahren dem Wahnsinn verfiel, weltweit groß. Derzeit werde Nietzsche als experimenteller Denker neu entdeckt, während seine vermeintlichen Lehren an Bedeutung verlieren, sagt Philosoph Prof. Dr. Andreas Urs Sommer von der Universität Freiburg. „Auf die Forschung hat das einen äußerst dynamisierenden Effekt“, ergänzt Sommer.
Aktuell versuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Nietzsche in den Kontext seiner Zeit zurückzustellen. „Er wird nicht mehr länger als großer Einsamer gesehen, zu dem er sich selbst gern stilisierte, sondern als ein hochreaktiver Denker im Gefüge seiner Zeit“, erläutert der Freiburger Philosoph. Ein Vorgehen, das die Schwester von Nietzsche als Nachlassverwalterin vehement zu verhindern versucht habe: „Elisabeth Förster-Nietzsche wollte, dass ihr Bruder weiterhin als großes Originalgenie gesehen wird, dem niemand das Wasser reichen konnte.“ Ein Mythos, der sich inzwischen nicht mehr halten lasse, denn Nietzsche sei zeitlebens nicht nur von einer Vielzahl von Freunden, Bekannten und Verwandten umgeben gewesen, sondern habe in einem eigenen Lektürekosmos gelebt: Er war in ständigem Gespräch mit all den Büchern, die er las. „Dennoch hat er sich als Denker einsam gefühlt, fand sein denkerischer Extremismus doch sehr wenig Anklang. Das Gefühl unverstanden zu sein, hat den Einsamkeitsmythos befördert.“
Neben der philosophiehistorischen Betrachtungsweise ist Nietzsche auch aus literaturwissenschaftlicher Sicht von Bedeutung, da er sich zahlreicher Schreibstile und Formate bediente. „Die Art und Weise wie eine Person schreibt, hat entscheidenden Einfluss darauf, wie sie denkt.“ Gleichzeitig ließe sich daraus die Aufforderung ableiten, selbst mit verschiedenen Formen des Philosophierens zu experimentieren. Deshalb könne Nietzsche auch als „Befreiungsdenker par excellence“ bezeichnet werden.
„Ich sehe ihn nicht mehr als Denker, der uns die letzten Wahrheiten vermitteln will, sondern als Jongleur im Modus ständigen Hinterfragens.“ Sein Denken stelle stets alles zur Disposition, was an Sicherheiten vorgegeben zu sein scheine. Entsprechend provokativ wirke noch heute seine Kritik an der Demokratie, den Menschenrechten und dem Egalitarismus. „Er ist ein höchst unkorrekter Denker, der in der Selbstreflexion eigene Gewissheiten unentwegt problematisiert.“ Deswegen sei auch der Abschied von Nietzsche als Vertreter der großen Lehren notwendig. „Wir müssen ihm keineswegs zwingend rechtgeben, aber tun gut daran, uns auf seine fundamentalen Fragen einzulassen.“
Vom 16.10.2019 bis zum 20.03.2020 zeigt das Historische Museum Basel in einer Ausstellung Einblicke in das Leben und die Gedankenwelt Friedrich Nietzsches. Die Ausstellung und die Begleitpublikation sind wesentlich unter Beteiligung der Freiburger Nietzsche-Forschung konzipiert und realisiert worden.
Prof. Dr. Andreas Urs Sommer leitet seit 2016 die Professur für Philosophie mit Schwerpunkt Kulturphilosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.  Seit 2014 leitet er zudem die Forschungsstelle „Nietzsche-Kommentar“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Neben Nietzsche gehören zu seinen Forschungsschwerpunkten unter anderem die Theorie der Philosophiegeschichtsschreibung, Skepsis und Stoa, Religions- und Geschichtsphilosophie.

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